Insieme und Fiscal-IT Debakel

Das Informatikprojekt Insieme der Eidgenössischen Steuerverwaltung war ein Millionengrab, wie die Neue Zürcher Zeitung in ihrer Ausgabe vom 25. Oktober 2018 meldet. Das Nachfolgeprojekt Fiscal-IT ist inzwischen in Betrieb, es ist aber ebenfalls ein Sorgenfall. Die Systeme sind unzuverlässig und zu wenig leistungsfähig. Das hat die EFK im Oktober 2018 in einem veröffentlichten Bericht festgestellt. Die alte Anwendung für die direkte Bundessteuer wurde im Oktober 2017 durch das neue System Difas abgelöst. Dieses wies damals noch zahlreiche Mängel auf, die bis Ende Jahr nicht behoben werden konnten.

Laut dem Bericht dauerte zum Beispiel das Öffnen eines Dokuments bis zu 20 Sekunden. Es fehlten Filtermöglichkeiten, und die Prüfung von Rückerstattungen lief nicht automatisch. Wegen solcher Hindernisse bearbeiteten die Mitarbeitenden in den ersten Monaten nach der Umstellung nur rund einen Drittel der üblichen Anzahl Formulare.
Vor allem aber konnten weder Mahnungen noch Zinsrechnungen verschickt werden. Zum Zeitpunkt der EFK-Prüfung im Frühling 2018 waren 2500 überfällige Forderungen über rund 1,8 Milliarden Franken offen. Nach Angaben der Steuerverwaltung ist dieser Betrag seither um rund zwei Drittel gesunken.

Das Ziel, mit der neuen IT die Effizienz zu steigern, sei noch nicht erreicht, schreibt die Finanzkontrolle. Die Hauptursachen seien mangelhafte Funktionalität und Performance. Zudem seien zwar Automatisierungen ermöglicht worden, diese würden aber noch nicht eingesetzt. Einen gewissen Einbruch der Produktivität nach der Einführung von neuen Systemen hält die Finanzkontrolle für unvermeidbar – aber nicht in dem Umfang, wie er bei der Steuerverwaltung festgestellt wurde. Es sei unklar, ob sich die Fachbereiche wieder den früheren Produktivitätswerten annäherten, heisst es im Bericht.

Die Meldung der NZZ steht ganz im Widerspruch zur Eigendarstellung der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV), denn am 2. Okt. 2017 hielt das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation (BIT) und die ESTV zusammenfassend fest, im Informatikprogramm Fiscal-IT einen Meilenstein erreicht zu haben. Die alten Informatiksysteme für die direkte Bundessteuer, die Verrechnungssteuer und die Stempelabgaben seien am Wochenende vom 30. Sept./1. Okt. erfolgreich abgelöst worden

Projektführungsmethode: HERMES

Nachdem das Projekt Insieme Schiffbruch erlitten hat und in Teilprojekte aufgefächert wurde, kämpft auch das vergleichsweise kleine Projekt IT-Fiscal mit Problemen. Nach meinem Dafürhalten könnte die Malaise im falschen Verständnis liegen, dass es die Technik schon richten werde. Ein Indiz dazu liefert der vom Bund verwendete Dachbegriff IKT (Informations- und Kommunikationstechnik), in das das Projekt IT-Fiscal eingebettet ist. Der Dachbegriff rückt die "Technik" in den Mittelpunkt anstatt den Blick auf die (bereichsübergreifenden) Arbeitsprozesse zu richten. Eine weitere Problemursache mag die vom Bund angewandte und überholte Projektführungsmethode HERMES sein. Die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) bringt das Debakel von Fiscal-IT auf den Punkt, denn es sei unklar, ob sich die Fachbereiche wieder den früheren Produktivitätswerten annäherten.

2 thoughts on “Insieme und Fiscal-IT Debakel”

  1. Guten Tag
    Die ESTV ist nicht in der Lage einfachste Projekte zu stemmen.
    Alle Projekte werden als IT Projekte definiert. Anstelle diese als Betriebswirtschaftliche Projekte zu sehen. Dies führt dazu dass die IT Abteilung diese Projekte führt. Wirtschaftlichkeit ist ein Fremdwort. Als Beispiel kann man die Umsetzung des RTVG betrachten. Ein einfaches kleines Projekt. Welches nicht mehr als 200′ bis 300′ hätte kosten dürfen und innerhalb 9 Monaten umgesetzt hätte werden können. Was hat man gemacht: Man hat die höchstmöglich komplizierte Lösung gewählt. Dies mit externen “Spezialisten”. So zum Beispiel mit einem Projektleiter, der bei Insieme 2 mal kläglich gescheitert ist. Die Kosten wurden mit über 1,5 mio beziffert und genehmigt. Zitat aus dem Finanzbeschaffungsantrag “es kostet nichts, da die Kosten vom Gebührenzahler getragen werden” Sign. Abt. IT.
    Nach einigen Monaten ist der Projektleiter einmal mehr kläglich gescheitert und hat das Projekt verlassen (Steuergeldverschwendung ca. 200′).
    Was dann später geschehen ist, ist mir unbekannt.

    Zu Insieme / Fiscal IT
    Im Juni 12 musste ich feststellen, dass das Projekt nicht mehr zu retten war.
    Die Verantwortlichen Personen (int. Projektverantwortlicher und das zuständige Kontrollorgan des Bundes) hatten kein Interesse sich den Realitäten zu stellen.
    Ende März 13 wurde dann das Büro Insieme vom letzten MA (meiner Wenigkeit) geschlossen. Vermeidbare Kosten über 10mio.

    Fiscal IT wollte man dann mit SAP auf die Reihe kriegen. Mit SAP hatte ich bereits grosse Erfahrungen. Eine meiner Erfahrung damit war, dass SAP mit grossen Datenmengen (mehrere 10′ Datensätze) sehr langsam wird. Selbstverständlich hatte auch hier niemand Interesse sich darum zu kümmern.

  2. Wieder einmal fehlen mir die Worte, wenn ich lese, wie stümperhaft hier gearbeitet bzw. gewurstelt wird und welche Methoden zum Einsatz kommen! Ist es denn möglich, dass ohne Kontrolle und ohne Sanktionen Steuergelder verlocht werden? Welche Arroganz der Leute in der ESTV und der Kontrollorgane des Bundes!
    Ist bekannt, wieviel Steuergeld für solche „Kollateralschäden“ pro Jahr verschwendet wird?
    Dabei kommt mir ein Fall von Steuergeldverschwendung aus NRW/D in den Sinn. Der für die IT zuständige Chef einer Gemeinde erhielt von seinen Mitarbeitern die Meldung, dass ein Programm von Viren befallen sei. Kurzerhand wurde die gesamte HW inklusive SW der gesamten Verwaltung eingesammelt und entsorgt und dann alles neu angeschafft, Kostenpunkt ca. € 400k!
    Man gewinnt den Eindruck, dass man bei der ESTV nicht viel weiter ist!

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